Starb Pharao Menes wirklich an einem Wespenstich?
In der Fachliteratur über Hornissen und Wespen, aber auch in Veröffentlichungen zum Thema Insektenstichallergien, findet sich immer wieder der Hinweis, dass der altägyptische Pharao Menes an den Folgen eines Wespen- oder Hornissenstiches verstorben sein soll. Entsprechend groß ist auch die Zahl der Einträge im Internet. Quelle dieser Information ist das 1988 im Gustav Fischer Verlag erschienene Buch von Ulrich R. Müller „Insektenstichallergie“. In der Einleitung lesen wir:
„Die wohl erste Beschreibung einer derartigen allergischen Reaktion findet sich auf dem Sarkophag des ägyptischen Pharaos Menes. Dieser erste Herrscher über beide Reiche am Nil soll um das Jahr 2800 v. Chr. auf einer Seereise ans Ende der damaligen Welt beim Betreten eines Eilandes – Historiker vermuten, dass es sich um Großbritannien handelte – von einer Wespe gestochen und kurz darauf verstorben sein. Abbildung 1 gibt eine zeitgenössische Darstellung dieses tragischen Ereignisses wieder. In der Mitte steht, überlebensgroß, der Pharao, der sich verzweifelt gegen das heimtückische Insekt wehrt, hinter ihm sein Gefolge mit Klageweibern, die den allzu frühen Tod des Göttlichen beweinen. Rechts sieht man
herbeieilende Eingeborene aus diesem Reiche am Rande des damaligen Erdkreises.
Betrachtet man die Abbildung genauer, fallen tatsächlich viele „Hinweise auf die Lebensweise im alten Britannien auf“, so wie es im Text heißt. Als Beispiele möchte ich nur folgende nennen: In den ersten Spalten rechts neben dem Insekt, das soeben Pharao Menes gestochen hat, erkennen wir unter anderem: einen Tennisschläger, einen Golfschläger, Regenschirme, Big Ben, eine Teetasse, eine Flasche und zwei Gläser, einen Fußballspieler, eine Melone, die Tower Bridge und anderes mehr. Weiterhin fällt auf, dass die eingeborenen Schottenröcke und Bärenfellmützen tragen. Über dem Kopf von Pharao Menes zeigt eine Spritze und das "Rote-Kreuz-Zeichen“ an, dass es sich tatsächlich um einen Notfall handelt, weil die Abwehrversuche des Pharaos mit einer Fliegenklatsche ergebnislos waren. „Nanu!“, werden sie jetzt vielleicht denken: „Kann das sein? Damals gab es doch die Tower Bridge noch gar nicht. England ist zwar das Mutterland des Fußballs, aber 5000 Jahre ist er sicher noch nicht alt, oder doch. Und wie war das mit dem Porzellan!?“
Was bedeuten also diese Hieroglyphen auf dem Sarkophag eines Pharaos, der 2800 v. Chr. gestorben sein soll!? Sie bedeuten, dass sich Ulrich R. Müller einen genialen Scherz erlaubt, und das in einem seriösen Fachbuch!
Während mich dieser Scherz amüsiert - und je mehr ich darüber nachdenke um so mehr freue ich mich darüber - bin ich doch überrascht in wie viele – auch ernsthafte - Publikationen und Interneteinträge die Wespenallergie des Pharao Menes Einzug gehalten hat und als historisch erwiesene Tatsache behandelt wird.
Als ich kürzlich bei einer Weiterbildung von Hornissenschützern über Pharao Menes und seiner angeblichen Allergie berichtet habe, hat mir ein Kollege bestätigt, dass ihm gegenüber Ulrich R. Müller den Scherz bestätigt hat.
Text: H. Meffert